Ziemlich zweitbeste Freunde

 

Warum es für Deutschland und Frankreich Wichtigeres gibt, als größter Handelspartner zu sein.

 

Für Freunde der deutsch-französischen Beziehungen war der 2. März 2016 ein schlechter Tag. Nach über 40 Jahren haben die USA Frankreich als wichtigsten Handelspartner Deutschlands abgelöst. 2015 betrug die Gesamtaußenhandelsbilanz (Ex- und Importe) mit den Vereinigten Staaten 173,2 Milliarden Euro – Frankreich (170,2 Milliarden Euro) folgt nur noch auf Platz zwei.(1)

 

Was genau bedeutet diese Entwicklung für die deutsch-französischen Beziehungen? Der enge wirtschaftliche Austausch ist seit jeher Eckpfeiler und Garant der intensiven bilateralen Beziehungen sowie stets das erste Argument, welches für das besondere deutsch-französische Verhältnis ins Feld geführt wird. Die Verschlechterung auf den zweiten Platz lediglich auf den starken US Dollar und die robuste Konjunktur der USA zu schieben, greift jedoch zu kurz. Auch der Erklärungsversuch des französischen Wirtschaftsministeriums, Frankreich bleibe „auf lange Sicht“ dennoch der wichtigste Handelspartner Deutschlands (2), mag nicht überzeugen. Nicht nur deutsche Exporte in die USA (+19%) sondern auch amerikanische Exporte nach Deutschland (+20%) sind weitaus stärker gewachsen als Exporte (+2,3%) und Importe (+0,4%) nach und aus Frankreich. TTIP könnte diesen Trend noch verstärken und die Pole-Position der Amerikaner auf mehrere Jahre hinaus zementieren.

 

Dies sollte jedoch weder frankophile Deutsche noch germanophile Franzosen entmutigen. Wie französische Medien zu Recht betonen, ist Deutschland weiterhin mit Abstand der wichtigste Handelspartner Frankreichs (3) und Frankreich immer noch eine starke Nummer Zwei aus deutscher Perspektive. Anstatt also die Abkühlung des wirtschaftlichen Austauschs mit einem gewissen Fatalismus als unausweichlich zu akzeptieren, sollte man den Blick auf beiden Seiten des Rheins lieber nach vorne richten und neue Perspektiven eröffnen. Deutschland hat ein ebenso großes Interesse an einer starken Wirtschaft in Frankreich wie andersherum. Gemeinsam sollte man sich deshalb bemühen, Wachstumsstimuli – zum Beispiel im Bereich Start-Ups oder Energie – zu schaffen. Warum z.B. kommt keines der 20 größten Internetunternehmen aus Europa, obwohl sowohl Berlin als auch Paris einen vibrierenden Start-Up-Sektor haben? Wenn beide Länder Synergien und Komplementaritäten nutzen, könnten sie Rahmenbedingungen für das Wachstum dieses vielversprechenden Zukunftssektors schaffen.

 

Es wäre auch aus deutscher Perspektive kurzsichtig – ja geradezu fahrlässig -, zu sehr auf den Handel mit den USA zu setzen und Frankreich als Land mit vermeintlich schwachem Wachstum und wirtschaftlichem Reformstau zu vernachlässigen. Mit China, Kanada, Mexiko und Japan gibt es für die amerikanische Wirtschaft vier andere Länder von weitaus größerer Bedeutung.

Letztlich ist die Frage, ob Frankreich den ersten Platz zurückerobern wird oder nicht, für die Bedeutung der deutsch-französischen Achse von untergeordneter Bedeutung. (4)

 

Ob Erster oder Zweiter, Frankreich steht aus wirtschaftlicher Perspektive weiterhin auf einem „Champions League Platz“. Viel wichtiger hingegen ist, dass Deutschland und Frankreich sich politisch einigen und neue Perspektiven für Europa eröffnen. Der „Motor der EU“ – Treiber für Wachstum in Deutschland und Frankreich – kann nur wieder angeworfen werden, wenn sich beide Länder in der Flüchtlingsfrage einigen und ein wirksames Konzept gegen die Schuldenkrise entwickeln. Durch den Fokus auf Wirtschaftssektoren der Zukunft und die Stabilisierung der europäischen Strukturen kann das deutsch-französische Paar gemeinsam wachsen – unabhängig davon, welchen Platz sie in den gegenseitigen Handelsbilanzen belegen.

 

(1)  DESTATIS (2016): https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2016/03/PD16_070_51pdf.pdf?__blob=publicationFile

(2) Le Figaro (2016): https://www.lefigaro.fr/conjoncture/2016/03/02/20002-20160302ARTFIG00114-la-france-n-est-plus-le-premier-partenaire-commercial-de-l-allemagne.php

(3) L’Express (2016): https://lexpansion.lexpress.fr/actualite-economique/nein-la-france-n-est-plus-le-premier-partenaire-commercial-de-l-allemagne_1769418.html 

Le Figaro (2016): https://www.lefigaro.fr/conjoncture/2016/03/02/20002-20160302ARTFIG00114-la-france-n-est-plus-le-premier-partenaire-commercial-de-l-allemagne.php

(4) United States Census Bureau (2016): https://www.census.gov/foreign-trade/statistics/highlights/toppartners.html

 

Tobias Maaßen - 9. März 2016