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„Dans la Vallée“ vs. Silicon Allee

Berlin oder Paris: Wer ist die kommende europäische Tech-Metropole?

 

Station F, der selbsternannte „weltgrößte Campus der Welt, zur Begleitung von Startups“ ist am 29 Juni in Paris seiner Bestimmung übergeben worden. Einige Wochen vorher war Paris im Global Startup Ecosystem Ranking 2017 erneut hinter Berlin eingestuft worden (Platz 11 vs. Platz 7)(1). Aber wer von beiden, „la Vallée“ oder „Silicon Allee“ ist denn nun attraktiver für die Tech-Startups? Bestandsaufnahme zweier Rivalen in einem ganz besonderen Ökosystem, dessen größtes Interesse es eigentlich sein sollte, alte Grenzen zu überwinden, um gemeinsam die größte Herausforderung der unmittelbaren Zukunft zu meistern, mit der wir schon jetzt konfrontiert sind, der künstlichen Intelligenz (KI).

 

Berlin, der Pionier
Günstige Mieten, im Überfluss verfügbare Gewerberäume, aber auch die berühmte intellektuelle Freiheit, die das Klima dieser Metropole prägt, haben die deutsche Hauptstadt schon zu Beginn der 2000er Jahre zu einem beliebten Mekka für alle Arten von Jungunternehmern gemacht. Heute, fünfzehn Jahre später, arbeiten in Berlin zwischen 1.800 und 2.400 Tech-Startups(2). Auch wenn die Mietpreise seit 2010 explodieren, übt die Stadt auf Wachstumsbranchen eine magische Anziehungskraft aus: Fintech (N26, Billpay, Finleap, Friendsurance und Spotcap…), digitale Medizin (Clue, Doctopia, heartbeat medical, Lara Companion, MediLad, Coronect…), Lieferdienste für Essen (Delivery Hero mit seinen Filialen der Marke Lieferheld, Foodpanda, Pizza.de, Foodora sowie das zu Rocket Internet gehörende Hello Fresh und Lieferando…), aber auch KI, Mobilität und Cyber-Security.

In der Bundeshauptstadt haben namhafte Startup-Inkubatoren wie beispielsweise Team Europe im Jahr 2008 schon viel zeitiger die Gründerszene angeschoben als in Paris. Hinzukommt, dass Berlin zwar keinen einzigen Dax-Konzern in seinen Mauern beherbergt, dass sie aber alle sehr eng mit Startups in der „Hipster-Hauptstadt“ zusammenarbeiten. Ein äußerst aktives und gründerfreundliches Milieu mit zahlreichen Unternehmensinkubatoren, Businessclubs (Beispiel: Factory Berlin) und Co-Working-Angeboten (z.B. BetaHaus) tut ein Übriges.

Die deutsche Hauptstadt hat bislang in Europa eine dominierende Position besetzt, die jetzt allerdings bröckelt. Schon 2015 musste Berlin den ersten Rang beim Investitionsvolumen an London abtreten (2,2 Mrd. Euro)(3) und ist inzwischen sogar auf den 4. Platz zurückfallen (knapp 1 Mrd. Euro) – hinter Paris (1,3 Mrd.) und Stockholm (1,2 Mrd.). Und die Zahl der „Unicorns“ – „Einhörner“ – (Startups mit einer Marktbewertung von mindesten einer Milliarde US-Dollar) bleibt in Berlin nach wie vor recht überschaubar. Insgesamt sind es gerade einmal drei: Delivery Hero, Auto1 und Zalando – ziemlich wenig in Anbetracht des äußerst quirligen, lokalen Ökosystems.

 

Paris, der aufgehende Stern

Auch wenn Paris weder den „Track-Record“ Berlins hat noch auch nur annähernd so „cool“ ist, so ist die französische der deutschen Hauptstadt mit ihren aktuell 2.000 bis 2.600 aktiven Startups(4) und etwa drei Dutzend Inkubatoren doch ein sehr ernstzunehmender Konkurrent. In Frankreich ist – wie so oft – auch hier der Staat stark engagiert, was schon 2013 zur Gründung des Labels „French Tech“ durch die damals für die digitale Wirtschaft zuständige Ministerien Fleur Pellerin geführt hat. Die Ex-Ministerin finanziert heute über ihren Tech-Fonds Korelya Capital viele hoffnungsvolle Startups. Der Unternehmer Xavier Niel surfte als einer der ersten in Frankreich auf der Tech-Welle. Jedes Jahr investiert er vor allem über seinen 2010 gegründeten Investmentfonds Kima Ventures bedeutende Teile seines in der Telekommunikation angehäuften Vermögens in 50 bis 100 junge Unternehmen. 2013 hat Niel die nach wie vor umstrittene „École 42“ gegründet, eine Privatschule ohne Kurse oder Lehrer, in der rund 800 Schüler lernen sollen, sich in der digitalen Welt durchzuschlagen. Nicht zuletzt ist er auch Gründer der „Station F“, des nach eigenen Angaben „größten Campus der Welt für Startups“, der Jungunternehmer und Politiker gleichermaßen zum Schwärmen bringt. 34.000 m², 3.000 Arbeitsstationen für Startups, 26 Begleitprogramme, die von namhaften Unternehmen und Einrichtungen (Facebook, Zendesk, HEC...) angeboten werden – mit diesem ehrgeizigen Projekt konnte Paris in Bezug auf die „Maturität“(5) seines Startup-Ökosystems Berlin überholen (Platz 8 vs. Platz 10)(6).

Verfügbares Risikokapital, ein Pool von qualifizierten Unternehmern, Initiativen der Stadtverwaltung, hochwertige und bedarfsgerechte Infrastruktur (Acceleratoren wie The Family, Numa, France Digitale etc.) – in Paris sind alle Ingredienzien konzentriert, um aus der französischen Metropole einen „Tech-Hub“ erster Güte zu machen. Das Bild wird nur dadurch etwas getrübt, dass auch hier die Zahl der „Einhörner“(7) noch viel zu gering ist, um dem Vergleich mit den kalifornischen Inkubatoren Stand zu halten. Abgesehen von ein paar Schmuckstücken wie Blablacar, VentePrivée oder Criteo haben es in den letzten Jahren nur wenige Unternehmen geschafft, auch international auf sich aufmerksam zu machen(8). Noch bis vor wenigen Wochen hatte die französische Hauptstadt (Platz 16) im Vergleich zu Berlin (Platz 5) Probleme, Talente anzuziehen. Die Bundeshauptstadt erfreut sich zusätzlich zu allen praktischen und ökonomischen Vorteilen bei der jungen Generation(9) auch noch eines attraktiven Images und nach wie vor vernünftiger Lebenshaltungskosten.

 

Für eine gemeinsame europäische Initiative

Anstatt sich gegenseitig als Rivalen zu bekämpfen, sollten Paris und Berlin, wie übrigens auch die Tech-Zentren München, Lyon oder auch Köln viel stärker zusammenschließen, um den großen europäischen Unternehmen der Zukunft den Boden zu bereiten. Kooperation ist unverzichtbar, wollen die Europäer mit Silicon Valley und seinen 20.000 Startups, darunter rund 60 “Einhörner“(10), 160 Risikokapitel-Gesellschaften, annähernd 500 Startups von Weltrang und den weltweit bedeutendsten Gründerzentren, darunter The Refiners und Y Combinator, mithalten. Kooperieren, motivieren, unterstützen, das Unternehmertum fördern und den Jungunternehmern vor allem das Recht zugestehen, Fehler zu machen. An der Begeisterung fehlt es den Gründern nicht. Die ersten gemeinsamen Maßnahmen werden von den großen Tech-Zentren bereits auf den Weg gebracht. Dieser Weg muss weiter verfolgt werden, aber es ist genauso wichtig, den Mut zu jenen Reformen aufzubringen, die den Unternehmern Rahmenbedingungen bieten werden, die denen in den USA gleichkommen.

Mit der Ankündigung eines gemeinsamen deutsch-französischen Fonds über eine Milliarde Euro im letzten Dezember zur ‚Förderung junger digitaler Unternehmen in beiden Ländern“ wurde ein erster Schritt in diese Richtung getan. Am vergangenen 14. Juli haben beide Länder im Schulterschluss eine umfassende Digitalagenda gestartet, die sich nicht nur finanzielle Förderprogramme für Startups, sondern auch ein deutsch-französisches Qualitätslabel für die Cloud und die Stärkung der Cyber-Sicherheit zum Ziel gesetzt hat. Alles notwendige, aber beileibe nicht ausreichende Initiativen.

Seien wir uns ehrlich: Es ist aussichtlos, die GAFA einholen zu wollen. Wir müssen noch viel schneller und weiter vorangehen, wollen wir die nächste wirtschaftliche Auseinandersetzung, die sich bereits um die künstliche Intelligenz abzeichnet, für uns entscheiden. Franzosen und Deutsche haben zusammen alle Trümpfe in ihren Händen. Aber nur, wenn sie das Spiel gemeinsam aufnehmen.

 

(1) https://startupgenome.com/report2017/

(2)  Quelle: Genome - 2017

(3) https://www.gruenderszene.de/allgemein/startup-barometer-investitionen

(4)  Quelle: Genome - 2017

(5) In der Studie Genome so beschrieben: „Die Kenntnis von Best Practices für das gute Gedeihen der Startups, aber die Gelegenheit für die Start-Upper, ihre Erfahrungen zu teilen und Netzwerke zu bilden.“

(6)   Quelle: Genome - 2017

(7) Unicorn (= Einhorn): Startup, dessen Marktwert auf über eine Milliarde US-Dollar geschätzt wird.

(8) CBinsights.com (https://www.cbinsights.com/research-unicorn-companies)

(9) Quelle: Genome - 2017

(10) https://fortune.com/unicorns/

 

 

Laetitia Poulallion - 25. Juli 2017